09:00-15:30
Die klassische Fortschrittserzählung der Moderne verkündete über Jahrzehnte hinweg, dass wissenschaftlich-technischer Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum langfristig zu mehr Wohlstand, Sicherheit und individueller Freiheit führen würden. Eine Erzählung, die seit einigen Jahren offensichtlich und gut begründet rasant an Glaubwürdigkeit verliert.
Nun sind allerdings glaubwürdige Zukunftsbilder gesellschaftlich höchst relevant, da sie zentraler Motivationsanker für individuelles und kollektives Engagement sind. Robin D. G. Kelley formuliert sehr treffend, dass beim Nichtvorhanden sein von Ideen und Visionen über Zukünftiges, wir nicht erkennen können „woran und worauf wir bauen sollen“ - sondern nur noch wissen, was wir zerstören, abreißen müssen (1*). Verlieren wir Zukunft als gestaltbaren Möglichkeitsraum, wird diese zu einer Bedrohung, die wiederum die individuell als auch kollektiv-soziale Vorstellungskraft zutiefst schwächt. Ein verheerender Teufelskreis - ungezügelt angeheizt durch mediale Dauerablenkung inklusive populärem Selbstmarketing - die häufig mit „geistiger Atemlosigkeit“ (*2) einhergeht und mitunter dazu verlockt, dass wir komplexe Lösungsansätze abwerten und bevorzugt der vermeintlich einfachen Antwort erliegen.
Vor dieser Kulisse einer unglaubwürdig gewordenen Fortschrittserzählung, einem andauernden Desinformationsspektakel und der Verlockung vermeintlich einfacher Antworten laden wir die Studierenden der FHV ein, neue zukunftsfähige Geschichten, die einer um sich greifenden Erschöpfung und Zukunftsskepsis die Stirn bieten, zu skizzieren.
Als thematische Grundlage bringen wir den Müßiggang in Stellung. Beschlagworten ihn zum Auftakt mit geduldiger Betrachtung, mit vor- und umsichtiger Annäherung und Zugewandtheit, mit reflektiertem Handeln - aber nur, um im Zuge des Workshops mit weiteren Spielarten, Qualitäten und Wirkungen des Müßigganges zu experimentieren.
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*1) Benjamin, R., 2025. Imagination: A Manifesto. WW Norton & Co, New York.
*2) Pörksen, B., 2025. Zuhören: Die Kunst, sich der Welt zu öffnen. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München.